10. Europameisterschaft Freie Partie der Damen von 11. - 14.6.1998 in Wien (Österreich)

Die Fachzeitschrift "billard" (Nr. 107) berichtete:

Jubiläumssieg für Declunder - Bronze für Englbrecht!

Das Sportheim der Wiener Billard Assoziation war einmal mehr Schauplatz eines Großsportereignisses, das in Erinnerung bleiben wird. Der große Einsatz hat sich gelohnt, ein Rekordturnier und eine Bronzemedaille sind die ideelle Ausbeute. Die sportliche Einstellung aller acht Damen und ihr wahrhaft vorbildliches Verhalten im und abseits des Turnieres waren aller Mühen wert. Nicht vergessen wollen wir allerdings auch das Verhalten der Frauenministerin, die wir um Übernahme des Ehrenschutzes und, falls möglich, Hilfe gebeten hatten, davon wird noch zu reden sein.

1. Runde: Die neunfache Europameisterin Magali Declunder zog, neben Ingrid Englbrecht natürlich, die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Sie musste gegen ihre Landsfrau Suter antreten, hatte leichte Startschwierigkeiten, machte dann aber dem Spiel in der 10. Aufnahme mit der besten Serie der Runde ein Ende. Die interessanteste Begegnung dieses Durchganges war jene zwischen der Schweizerin Wild und Susanne Stengel aus Deutschland. Beide haben schon EM-Medaillen gewonnen und zählten natürlich auch in Wien zum Kreis der aussichtsreichsten Anwärterinnen auf prominente Ehrenplätze. Frau Stengel hatte einen schlechten Start und konnte erst so gegen Mitte der Partie zu ihrer Gegnerin aufschließen. Dann zog allerdings Wild mit mittleren Serien auf und davon und landete einen sicheren Sieg. Die Vizeeuropameisterin des Vorjahres, Monique von Exter, hatte mit ihrer Landsfrau Christel Willemse ebensowenig Probleme wie Ingrid Englbrecht mit Mitterböck, auch diese beiden siegreichen Damen zeigten sich gut gerüstet für die kommenden Aufgaben.

2. Runde: Declunder war wieder die dominierende Erscheinung, sie spielte mit 25.00 DS und 121 Serie die Topleistungen der Runde. Susanne Stengel konnte diesmal wirklich beeindrucken und auch van Exter steigerte ihre Leistungen. In der Partie gegen Wild konnte Ingrid zu Beginn eine Serie von 32 Points vorlegen, dann aber leider nicht nachsetzen. Wild wurde in ihren Aktionen immer stärker und sicherer und landete letztlich einen verdienten Erfolg. Die österreichischen Hoffnungen auf eine Medaille hatten vorerst einen Dämpfer erhalten.

3. Runde: Schön langsam schuf die französische Seriensiegerin einen Respektsabstand zur Konkurrenz, Wild blieb aber dran, mit dem Erfolg gegen van Exter hatte sie eine Medaille schon fast sicher in der Tasche. Als nächste Gegnerinnen standen Willemse, Suter und Mitterböck an und nach den bislang gezeigten Leistungen war Wild für diese Prüfungen klar zu favorisieren. Stengel spielte solide und souverän, während Ingrid gegen Suter einen der so schwer umzusetzenden Pflichtsiege landen mußte, prompt gab es auch Schwierigkeiten, der Französin fehlten lediglich 11 Points, ehe sie mit einem „reste dedans" abgezählt werden mußte. Mit diesem Zittersieg blieben die Chancen für Ingrid wohl intakt, aber leichter waren die Aufgaben nicht geworden.

4. Runde: Mit der 4. Runde waren die Halbzeit und der sportliche Höhepunkt erreicht: Declunder spielte 5 Aufnahmen, Stengel 3 und Wild gar nur 2! Die vierte Partie benötigte erstmals die Aufnahmensperre, es sollte eine von nur zwei Partien mit maximaler Aufnahmenzahl bleiben. Auch das darf als Beweis für den hohen Standard dieser Meisterschaft gelten. Für Ingrid hatte sich nichts geändert, die Niederlage gegen Declunder war sozusagen eingeplant. Diane Wild aber war endgültig zu einer absolut seriösen Herausforderin auch für Declunder geworden.

5. Runde: Nun hieß es für Ingrid Farbe bekennen, es ging gegen die Vizeeuropameisterin. Nach 12 Aufnahmen war mit 70 : 77 für Englbrecht praktisch Gleichstand gegeben, dann legte van Exter eine Serie von 54 vor; Ingrid bewies großartige Moral, konterte sofort mit ihrer bislang besten Serie von 65 und ging in der folgenden Aufnahme durchs Ziel! Die Hoffnung auf Bronze hatte neue, berechtigte Nahrung erhalten. Declunder blieb souverän, auch wenn Stengel kurz vor Partieende mit einer schönen Serie von 110 Points noch aufschließen konnte. Auch Wild spielte wiederum ganz ausgezeichnet, so allmählich durfte man sich auf ein großes Finale freuen.

6. Runde: Bei der letzten Europameisterschaft hatte Monique van Exter beinahe die Sensation geschafft und eine merklich untrainierte Magali Declunder entthront; diesmal konnte davon keine Rede sein, Declunder ließ der Holländerin keine Chance. Diane Wild spielte sich gegen Mitterböck fürs Finale ein und Willemse konnte etwas überraschend Suter schlagen. Der Schlager der Runde war natürlich die Begegnung Stengel gegen Englbrecht. Ingrid brauchte unbedingt einen vollen Erfolg, ihrer deutschen Kontrahentin hätte bereits ein Unentschieden gereicht. Nach 3 Aufnahmen hatte Ingrid eine Miniführung von 55 zu 41 erspielt, die Vorentscheidung fiel in der 6. und 7. Aufnahme, als sie mit Serien von 32 und 56 auf 143 zu 53 davonzog. Stengel fand in keiner Phase zu ihrer Serienstärke, und obwohl es noch weitere 6 Aufnahmen bis zum Erfolg für Englbrecht dauerte, hatte man eigentlich nie den Eindruck, daß Stengel dem Match noch eine Wende geben könnte. Nun war die Bronzemedaille tatsächlich in greifbare Nähe gerückt, in der letzten Runde war dazu ein Erfolg gegen Willemse nötig, ein Unterfangen, das aufgrund der höheren Klasse von Englbrecht mehr als realistisch erschien.

7.und letzte Runde: 11 Aufnahmen lang machte Willemse Englbrecht das Leben nicht unbedingt leicht, dann allerdings gelang der österreichischen Abonnementmeisterin mit 95 ihre beste Turnierserie; die restlichen 10 Points wurden in weiteren 3 Aufnahmen erledigt - mit Glanz und Glorie war die so erhoffte EM-Medaille Wirklichkeit geworden. Ingrid hält nun bei 1 x Silber und 2 x Bronze, vom Standpunkt der sportlichen Leistung und Wertigkeit strahlt diese Medaille wohl am hellsten. Die Partie gegen Willemse war efreulich unaufregend verlaufen, ganz anders ging es da im großen Endspiel zu. In der 4. Aufnahme erhöhte Declunder, als nachstoßende Spielerin, mit einer Serie von 109 auf scheinbar vorentscheidende 126 zu 23; Wild, eine ausgezeichnete Wettkampfsportlerin, konterte ihrerseits sofort mit 120 und brachte Declunder damit in Zugzwang. Die Französin spielte eine Serie von 19 Points, davon aber 17 große Bälle, gespickt mit Höchstschwierigkeiten – eine große, zu Recht bewunderte Leistung, versteckt in einer kleinen Serie. Alles war wieder völlig offen, Declunder war wohl durch die Möglichkeit des Nachstoßes im Vorteil, aber auch dieser kann unter Belastung zum Problem werden. Es kam nicht mehr dazu, Wild schaffte nur noch 5 statt 7 Points und musste machtlos zusehen, wie Declunder ihrerseits mit 5 Points ausstieß – Endstand 148 zu 150 ….Die Bewunderung für Declunder und das Mitleiden mit Wild waren unter den Zuschauern gleichmäßig verteilt, alle aber waren sich einig, Zeugen eines hochdramatischen und sportlich wertvollen Endspieles gewesen zu sein. Das vielleicht schönste Kompliment kam von einem Klubkollegen aus der WBA, der meinte, man müsse sich unbedingt wieder um dieses Turnier bewerben. Das wird auch geschehen, ob gleich im nächsten Jahr, sei einmal dahingestellt. Vorerst freuen wir uns einmal über einen neuen Europarekord im Turnierdurchschnitt und am meisten natürlich über die Bronzemedaille unserer Ingrid! Peter Stöger. Bild links: v.l.n.r. Englbrecht, Declunder, Wild, Bild rechts: Johann Scherz mit den beiden Finalistinnen.

1. Magali Declunder (F) 14 – 00 1050 50 21,000 30,00 121
2. Diane Wild (CH) 12 – 02 1048 78 13,435 75,00 120
3. Ingrid Englbrecht (A) 10 – 04 876 106 8,264 11,53 95
4. Susanne Stengel (D) 08 – 06 870 68 12,794 50,00 141
5. Monique van Exter (NL) 06 – 08 716 90 7,955 12,50 73
6. Christel Willemse (NL) 04 – 10 522 119 4,386 5,55 31
7. Huguette Suter (F) 02 – 12 642 122 5,262 4,40 45
8. Helga Mitterböck (A) 00 – 14 385 127 3,031 --- 23
     

 

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